Geschichte
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Absinthe
Absinthe ist ein alkoholisches Getränk, das traditionell aus Wermut, Anis, Fenchel sowie einer je nach Rezeptur unterschiedlichen Reihe weiterer Kräuter hergestellt wird.Bei einer sehr großen Anzahl von Absinthmarken ist die Spirituose von grüner Farbe. Deswegen wird Absinth gelegentlich auch „die grüne Fee“ (französisch: la Fée Verte) genannt.
Der Alkoholgehalt liegt üblicherweise etwa zwischen 45 und 75 Volumen-Prozent und ist demnach dem oberen Bereich der Spirituosen zuzuordnen. Aufgrund der Verwendung bitter schmeckender Kräuter, insbesondere von Wermut, gilt Absinth als Bitterspirituose, obwohl er selbst nicht notwendigerweise bitter schmeckt.
Die Ursprünge liegen in der Französischen Schweiz, wo Absinthe Ende des 18. Jahrhundert zum erstenmal aufgetaucht ist. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde er zunächst in Frankreich zun Nationalgetränk und dann in der ganzen Welt populär.
Viele bekannte Künstler des tranken im 19. Jahrhunder Absinthe als Inspirationsquelle. So sind z.B. zahlreiche Bilder von van Gogh, Lautrec, Degas, Manet, Monet, Picasso und vielen anderen entstanden.
Anfang des 20. Jahrhundert wurde Absinthe verboten. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Lesen Sie weiter untern über die genauen Details.
Artemisia Absinthium
Wermut oder Wermutkraut (Artemisia absinthium), auch Bitterer Beifuß oder Alsem, ist eine Pflanzenart in der Gattung Artemisia, in der Familie der Korbblütler (Asteraceae oder früher Compositae). Wermutkraut findet man in den trockenen Gegenden von Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien auf kargen und steinigen Böden. Die Pflanze blüht von Juli bis September und kann mehr als 1 m hoch werden.Verwendung
Wermut wird zur Herstellung von Absinth und Weinaperitifs (Vermouth) verwendet. In der Vergangenheit nahm man an, dass exzessiver Absinth-Missbrauch zu Abhängigkeit führte, was auf das im Absinth enthaltene Nervengift Thujon, das in hohen Dosen oder über längere Zeit eingenommen zu irreversiblen Nerven- und Gehirnschädigungen führt, zurückgeführt wurde. In neuerer Zeit werden die entsprechenden Studien aus der Zeit um 1900 aber zunehmend angezweifelt und die Wirkung zum Teil einfach auf den sehr hohen Alkoholgehalt des Absinths, typischerweise 45% bis 74%, zurückgeführt. Außerdem waren in weit verbreiteten billigen Absinthen Chemikalien wie Methanol, Kupfersulfat und Zinksulfat enthalten, um das Aussehen aufzubessern. Sie könnten ebenso zu den Schädigungen geführt haben. Medizinisch wird Wermut unter anderem zur Anregung der Magenfunktion gebraucht. Wermut-Tee wird bei Appetitlosigkeit, Magenbeschwerden, Erbrechen und Durchfall verwendet.
Der englische Name "wormwood" (wörtl. "Wurmholz") ist eine volksetymologische Umdeutung des altenglischen Namens "wermod" und deutet darauf hin, dass man dem Wermut anti-parasitäre Eigenschaften zuschreibt. Vgl. H. Marzell, "Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen", s.v. Artemisia Absinthium L.: "[...] die Pflanze [wurde] früher (wie noch jetzt die verwandte A. Cina) gegen Würmer (Eingeweidewürmer) verwendet [...]. Andere [Namens-]Formen wiederum sind an "warm" angelehnt wegen der "wärmenden" Eigenschafts des Wermutabsudes." Diese Eigenschaft macht es nicht verwunderlich, dass Wermut auch schon zu biblischen Zeiten weit bekannt war. Wermut gehört zu den bittersten unter den bekannten Kräutern. In symbolischer oder poetischer Sprache steht der Name oft auch für Bitterkeit und Trauer (Wermutstropfen). Dass dessen Bitterkeit bekannt war, lässt schließen, dass Wermutzubereitungen trotzdem ´genossen´ wurden und man sich irgendeine positive Wirkung davon versprach. Im Mittelalter bezeichnete Hildegard von Bingen Wermut als den Meister über alle Erschöpfungen.
Sprichwörtliche Verwendung
Der Ausdruck "Wermutstropfen" spielt auf die Bitterkeit des Wermuts an und beschreibt Dinge oder Erfahrungen, die eine Spur von Bitterkeit (als Synonym für Schmerz oder Unangenehmes) in an sich Schönes bringen, so wie auch ein Tropfen Wermut auch einem süßen Getränk eine Spur Bitternis verleiht.
Namensherkunft
westgermanisches Wort unbekannter Herkunft: *wermoda-; ahd. wer(i)muota, wer(i)muot, ae. wermod as. wermoda lat.-griechisch: absinthium, Lehnwort zu persisch sipand
Christliche Apokalypse
Selbst in der Bibel wird dem Wermut so einiges nachgesagt:
Und der dritte Engel posaunte: und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und über die Wasserbrunnen. {Jesaja.14,12} 14,12
Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern! Wie bist du zur Erde gefällt, der du die Heiden schwächtest! 11Und der Name des Sterns heißt Wermut. Und der dritte Teil der Wasser ward Wermut; und viele Menschen starben von den Wassern, weil sie waren so bitter geworden.
Hier gibt es einige Interprätationen, aber da der Name Tchernobyl angeblich auf Ukrainisch soviel wie großer Wermut bedeutet...
Ein sehr ambivalentes Thema, denn einerseits ist Absinthe als Heilpflanze bekannt, anderseits Wermut aber auch so bitter, daß er ungenießbar ist.
La Val d'Absinthe
Das Kloster von Clairvaux wurde 1115 vom heiligen St Bernhard im Val d'Absinthe in der Diozöse Langres gebaut.
Die angebliche Herkunft
In Montbenoit, nahe Pontarlier steht ein Benediktinerkloster. In einem französischen Journal (La Nature) von 1894 wird den Mönchen dort die Erfindung des Absinthes zugeschrieben. Die Mönche hätten Ihr Geheimnis dem Dr. Ordinaire gegeben, der aus politischen Gründen aus Frankeich in die nahegelegene Schweiz geflohen war... Es ist zweifelhaft, ob diese Geschichte wahr ist. Tatsache ist jedoch, daß Mönche so mache Kräuterheilmittel erfunden haben - es könnte also durchaus möglich sein...
Dr. Ordinaire
Alphonse Petitpierre schreibt in "Un demisiecle de Neuchatel": Die Herstellung von Absinthe begann Ende des 18. Jahrhunderts und seine Wurzeln stammen aus Frankreich. So ganz genau lässt sich das aber nicht mehr feststellen. Fest steht jedoch, daß ein französischer Revolutionsflüchtling, ein Mediziner "Ordinaire" sich Couvet im Val de Travers als seine neue Heimat ausgesucht hatte und von dort aus aktiv wurde. Er sei von großer Statur gewesen und war mit seinem kleinen, korsischen Pferd "Roquette" im ganzen Tal bekannt. Es wird behauptet, daß dieser Dr. Ordinaire der einzige gewesen sei, der das geheime Rezept des "Elixier d'Absinthe" bekannt war, das er als Allheilmittel anpries.
Das Elixier der Mutter Henriod
Edmonde Quartier la Tente beschrieb 1893 in einer Geschichtsrundschau aus Neuchatel, daß das "Elixier d'Absinthe" auch schon vor dem Auftauschen des Dr. Ordinaire in der Region bekannt gewesen sei. In dieser Zeit lebte Eine Henriette Henriod in Couvet, die "Mutter Henriod" genannt wurde, nicht zu verwechseln mit Lisette Henriod aus Bourgeau oder den Töchtern eines Leutnant Henriod. Die Mutter Henriod stellte Kräuterheilmittel her und war in der Region sehr beliebt und bekannt. Unter anderem stellte sie auch ein bestimmtes Elixier auf Wermutbasis her, das gegen eine große Anzahl an Krankheiten verwendet werden konnte. Es kann nicht mehr nachvollzogen werden, wie Dr. Ordinaire genau in den Besitz dieses Rezepts gekommen ist, aber seine Bedeutung in der Geschichte geht nicht darüber hinaus, als daß er diesen Heiltrank im Val de Travers verbreitete. Jedenfalls ist es wohl frei erfunden, daß Dr. Ordinaire das Rezept auf seinem Sterbebett an seine Hausherrin Grandpierre gegeben hat, die ihrerseits es an die Töchter des Leutnant Henriod verkaufte und durch die es dann in die Hände von Major Dubied gelangt sein soll... Seriöse Recherchen haben ergeben, daß Pierre Ordinaire mit Henriette Petitpierre verheiratet gewesen war, deren Vater eine Herberge in Couvet hatte - so kann Ordinaire unmögliche eine Hausherrin gehabt haben. Ausserdem starb Ordinaire erst 1821 - und Dubied fing bereits Ende des 18. Jahrhunderts an, Absinthe in Couvet zu produzieren. Auch wenn es nicht zweifelsfrei belegt werden kann, hat die Mutter Henriod die Ehre, als Erfinderin des Absinthes zu gelten. Sie stellte in durch Mazzeration und anschließender Destillation her. Sie zog die Pflanzen, die sie dafür brauchte im eigenen Garten. Gebrannt wurde in der Küche und im Foyer, wo ein Brennhafen auf einem Dreifuß stand. Sicher war die Ausbeute nicht groß, aber von Zeit zu Zeit gab sie etwas an Hausierer, die das Elixier dann weiterverkauften. Im historischen Museum von Neuchatel wird eine alte Etikette ausgestellt, auf der zu lesen ist, daß es sich um einen destillierten Likör handelt. Darauf zu sehen ist ein Brennhafen und ein Glaskolben. Das war damals wichtig, denn man wollte den Kunden zeigen, daß es sich nicht einfach nur um einen Kräuteransatz hielt, sondern um eine moderne Destillation! Die medizinische Wirkung wurde auf dem Etikett grafisch sehr schön durch eine sich windende Schlange unterstützt. Auf dem Etikett stand: "Extrait d'Absinthe qualite superior de l'unique recette de mademoiselle Henriod de Couvet, Comte de Neuchatel en Suisse".
Pernod - einer der wichtigsten Namen, wenn es um Absinthe geht
Abram-Louis Perrenoud (1735-1811) kam von Joratel und ließ sich in Couvet nieder. Dort änderte er seinen Nachnamen in Pernod. In seinen Aufzeichungen von 1794 findet sich ein Absintherezept. Es lässt sich nicht mehr feststellen, ob es seine eigene Entwicklung war, oder das der Mutter Henriod. Er war verheiratet mit Suzanne-Esther Favre und hatte einen Sohn, Henri-Louis Pernod (1776-1851), dessen Name unauslöschlich mit Absinthe verbunden ist. Es ist bekannt, daß ein junges Mädchen namens Favre aus Couvet in Genf ein Elixier d'Absinthe kannte - in der Zeit als Mutter Henriod ihr Elixier in Couvet herstellte.Im Jahr 1797 hatte das einstige Geheimrezept bereits einen gewissen Marktwert, denn immer mehr Leute schätzten seine heilsame Wirkung. Aus diesem Grund kaufte Major Daniel-Henri Dubied das Rezept von Mutter Henriod ab. Mit einer sicheren Spürnase für ein gutes Geschäft gründete Dubied (1758-1841) im Jahr 1798 mit seinem Sohn Marcellin und Henri-Louis Pernod eine Brennerei in Couvet. Zunächst wurde das Elixir d'Absinthe über Apotheken verkauft. Henri-Louis Pernod heiratete Julie Ducommun, mit der er einen Sohn (Edouard Pernod) hatte - dieser wiederum wurde wie sein Vater zu einem berühmten Absintheproduzenten und gleichzeitig Ursprung des Legler-Pernod und Gempp-Pernod Zweigs. Die Geschäfte liefen gut für Henri-Louis Pernod, so war die 8x4m große Hütte bald zu klein. Pernod siedelte 1805 ins benachbarte Pontarlier um, um dort eine richtige Großindustrie hochzuziehen. Da die erste Frau von Pernod früh starb, heiratete er 1807 die Tochter von Major Dubied - Emelie Dubied. Sie hatten einen Sohn Louis, der allerdings bereits mit 38 Jahren 1847 starb. Nachdem Henri-Louis Pernod 1851 starb, übernahm die Tochter und Ehefrau zweier Brenner die Geschäfte, bis sie sie an ihre Enkel Louis-Alfred und Fritz übergab.
Die Weiterentwicklung
Von Anfang an schickte Henri-Louis Pernod, Handelsreisende durch ganz Frankeich um an Aufträge zu kommen. Da sich das herumsprach, stiegen um 1825 weiter Firmen ins Absinthegeschäft ein. So wuchs auch der Bedarf an Wermut, so daß nicht nur allein um Pontarlier, sondern auch in den umliegenden Departements Haute-Saone und Jura, Wermut angepflanzt wurde. Wermut wurde im Midi und um Paris herum angepflanzt. 1826 existierten in Pontarlier gerade einmal 4 Brennereien: Die Häuser Dubied Pere et Fils, Pernod Fils, Simon et Julien, die von Charles, dem 10. die Erlaubnis hatten, den Titel einer königlichen Brennerei zu führen. Bis ca. 1870 blieb die Anzahl der Brennereien stabil zwischen 6 und 10. 1905 zählte man 25 Brennereien im Arrondissement Pontarlier und 22 in Pontarlier selbst. Sie produzierten 10 Millionen Liter Absinthe und beschäftigten 3000 Personen. Bauern, Engestellte der Brennereien, Wagner, Glasbläser, Kistenmacher, Sigellackhersteller, Fahrer und Handelsreisende.Selbstverständlich gab es auch Brennereien, die mehrere Marken produzierten, oder die einen Absinthe unter verschiedenen Etikettierungen vermarkteten. Im nahegelegenen Fougerolles im Haute-Saone wurde ebenfalls sehr viel Absinthe produziert, der teilweise in Fässern nach Pontarlier geliefert wurde, um ihn dort abzufüllen. Denn nur dann konnte man ihn als "Absinthe de Pontarlier" vermarkten.
Ab 1870 entwickelten sich in ganz Frankreich zahlreiche Absinthebrennereien. Zwischen 1890 und 1900 gab es nicht weniger als 65 in der Umgebung um Paris, 52 in Bordeaux, 45 in Marseille, 18 in Lyon und 12 in Dijon. Jede kleine Stadt oder Dorf hatte eine eigene Absinthebrennerei. Man schätzt, daß es über 1000 Absinthemarken gab... Es war DAS Nationalgetränk der Franzosen und es wurde genausoviel produziert, wie verbraucht wurd.
In der Schweiz
Zwischen 1825 und 1860 entwickelten sich im Val de Travers etwa 15 Brennereien - die meisten davon in Couvet. 1900 war die Absintheindustie aber nicht mehr nur auf das Val den Travers beschränkt. Die eidgenössische Alkoholverwaltung zählt zu dieser Zeit 40 Absinthebrennereien in der Eidgenossenschaft:
- 17 in Neuchatel,
- 13 im Val den Travers,
- 11 in Genf,
- 4 im Wallis,
- eine in Murten,
- eine in Martigny und
- 6 in der Deutschschweiz.
Die Vermarktung
Henri-Louis Pernod hatte ja eine ganze Menge Handelsreisende, die Absinthe direkt an Händler und Cafes verkauften. Geliefert wurde entweder in Fässern oder großen Glasflaschen (Bonbonnes). Die Händler füllten den Absinthe dann selbst in Flaschen ab und verkauften ihn. Durch die Eroberung von Kolonien und vor allem Algerien, gelangte Absinthe in alle vier Himmelsrichtungen.
Der Blitzeinschlag bei Pernod 1901
An einem schönen Sommersonntag, es war der 11. August 1901, der Tag des Feuerwehrfests, schlug bei einem Wärmegewitter der Blitz in die Pernod Fabrik. Absinthe und Rohalkohol gingen in Flammen auf. Zwei Lagerarbeiter öffneten geistesgegenwärtig die noch nicht in Flammen stehenden Fässer und leiteten eine unglaubliche Menge Absinthe in den nahegelegenen Doubs. Nur durch diese beherzte Handlung konnte ein noch größerer Schaden verhindert werden. Die Betriebsfeuerwehr, die Feuerwehr von Ponatlier und einige Soldaten versuchten das Feuer unter Kontrolle zu bekommen, während die Bevölkerung von Pontarlier auf die der Pernod Fabrik gegenüberliegende Anhöhe stieg, um sich ein Bild über das Ausmaß des Unglücks zu verschaffen. Es wird berichtet, daß sich so manch ein durstiger Feuerwehrmann einen Helm im Doubs füllte um frischen Absinthe zu trinken...Ebenso profitierte der Geologe und Mineraloge Prof. M. Fournier, der bereits 1897 behauptete, die Loue sei ein Nebenfluß des Doubs und mit ihm unterirdisch verbunden. Leider konnte er das bis zu diesem Unglückstag nicht beweisen. Als sich die Loue aber nach einer Weile genauso wie der Doubs, weiß verfärbten, war seine Behauptung bewiesen. So hat der Absinth der Wissenschaft einen wertvollen Dienst erwiesen.
Die Fabrik wurde schnell wieder aufgebaut. In einr 1000qm Halle standen 60 Brennhäfen, die Tanks waren im Untergeschoss. Aber auch die Angestellten profitierten - für sie gab es soziale Absicherungen, die für diese Zeit ausgesprochen großzügig und fortschrittlich waren.
Absinthe Mode
Als in den 1830er Jahren Frankreich einen Krieg in Algerien führte, bekamen alle Soldaten eine Tagesration Absinthe. Allerdings weniger um sich damit zu amüsieren, sondern um das Wasser von Mikroben zu reinigen. Man war jedenfalls der Meinung, das würde funktionieren... Als die Soldaten nach dem Feldzug nach Frankreich heim kamen, verlangten sie auch dort nach ihrer "Medizin" - dem Absinthe. So entwickelte sich der Brauch der "l'heure verte" - der grünen Stunde. Man nahm sich nach getaner Arbeit etwas Zeit um sich in einem Bistrot bei einem oder zwei Gläser Absinthe zu unterhalten und zu entspannen. Man kann durchaus sagen, daß Absinthe ohne das Militär niemals so groß und populär geworden wäre. Aber auch die Bourgoisie liebte den Absinthe und man muß sich nur einmal die Boulevards in Paris um 1870 vorstellen. Dort muß es zwischen 18 und 19 Uhr förmlich nach Absinthe geduftet haben! Zahlreiche Bilder zeugen von einer lebhaften Absinthekultur zu dieser Zeit.
Absinthe eroberte die Welt
Schon bald nachdem Absinthe in ganz Frankeich zum Nationalgetränk avancierte, eröffneten die großen Brennereien Zweigstellen im Ausland.- Duval in Brüssel und Liege,
- Berger in Argentinien und
- Pernod in Tarragona.
In Tarragona wurde Absinthe Pernod Fils 68% übrigens bis 1965 produziert. Mit etwas Glück und viel Geld kann man noch Flaschen finden. Jedoch sollte man wissen, daß die Rezeptur immer wieder überarbeitet wurde und ein Pernod Tarragona aus den 60er Jahren lange nicht das bietet, was gleiche Flaschen aus den 40er Jahren bieten. Die Flaschen lassen sich allerdings sehr gut unterscheiden. Während die alten Flaschen einen Boden mit Eingriff (wie bei einer Sektflasche) haben, haben die jüngeren einen flachen Boden und sind erkennbar maschinell gefertigt.
Ebenso wurde sehr viel Absinthe exportiert. Es gibt Belege dafür, daß Absinthe rund um die Welt verkauft wurde - und zwar in bemerkenswerten Stückzahlen.
Die Frauen und der Absinthe
Interessanterweise war Absinthe eines der Getränke, das von beiden Geschlechtern gleichermaßen geschätzt wurde.
1903 bestätigte Dr. Laborde, daß speziell Frauen den Geschmack von Absinthe lieben. Es ginge sicher zuweit zu sagen, daß die Emmanzipation der Frau damals begann, aber möglicherweie nahm sich so manche Frau damals schon Verhaltensweisen heraus, die erst viel später zur Selbstverständlichekeit wurden. Erstmals trafen sich Frauen in Cafes und Bars um gemeinsam Absinthe zu trinken...
Berühmt berüchtigt sind natürlich auch die Damen des ältesten Gewerbe der Welt, die Künstler wie Toulouse Lautrec beflügelten. Er selbst verbrachte ja wohl beträchtliche Zeit in den prachtvollen Etablissements...
Es gibt traumhaft schöne Absinthewerbeplakate aus der Zeit der Jahrhundertwende mit Jungendstildamen, wie sie ein Alfons Mucha nicht schöner hätte malen können. Aber auch hier gilt - der Griff zum Offestdruck ist erschwinglich, währenddessen originale fern ab jeder Realität im 5-stelligen Bereich gehandelt werden.
Alternativ gibt es auch noch sehr viele, schöne Darstellungen auf alten Postkarten, die eventuell etwas günstiger sind, aber leider in Deutschland extrem selten zu finden sind. Wer in Frankreich einen Flohmarkt besucht und Zeit und Geduld hat, findet möglicherweise in einer der Kisten der zahlreichen Anbieter etwas.
l'Heure verte
Die "l'Heure verte", oder auch "l'heure a l'absinthe" ist nach Alfred Delvau der moment am Tag, zwischen 17 und 19 Uhr, an dem die Pariser in den Cafes ihren Absinthe trinken. Man könnte auch sagen, es ist die Zeit, in der man generell einen Aperitif zu sich nimmt. Delvau notiert 1862: Überqueren sie an einem Sommertag die Imperial in einem Omnibus der Linie Madelaine in Richtung Bastille und Sie werden ganz Paris vor den Türen der Cafes sitzen sehen, wie sie ihren Absinthe trinken. Gehen Sie die Faubourg entlang den Bars, im Quartier Latin, an der L'Ecole Militaire - sie werden Arbeiter, Studenten, Soldaten, Angestellte, Müßiggänger und Bettler sehen, Leute mit guten und schlechten Manieren, alle damit beschäftigt ihren Absinthe zuzubereiten und zu trinken.
Das Absintheritual
Zur grünen Stunde konnte man Leuten aller Couleure zusehen, wie sie ihren Absinthe zubereiteten. Von den großen Cafes auf den Prachtboulevards bis in die kleinsten Kaschemmen - man konnte es überall sehen.
- "Faire son Absinthe" ist eine einfache Angelegenheit. Man gießt das Wasser einfach in den Absinthe.
- "Battre L'absinthe" Dabei lässt man das Wasser zunächst aus großer Höhe ganz langsam ins Glas tröpfeln, dann von halber Höhe aus und zum Schluß direkt in Glas.
- "Frapper son Absinthe" Man lässt das Wasser langsam in den Absinthe tröpfeln.
Absinthe ist ein Getränkt, das langsam zubereitet wird. Es ist eine Wissenschaft für sich, einen guten Absinthe zuzubereiten. Der Absinthetrinker nimmt sich Zeit und verliert Zeit - für seinen Absinthe! Er genießt sein bevorzugtes Getränk Schlückchenweise und erfreut sich an dem herrlichen Duft, den es verbreitet.
Man kann seinen Absinthe "ertränken", dann hat man entweder ein "Eau-demoule" (bei einem grünen Absinthe), oder eine "Eau-de-svaon" (bei einem weißen Absinthe). Man kann ein "Puree" machen, d.h. man verwendet gleich viel Waser wie Absinthe. Oder man macht einen "Puree bien tassee" - man nimmt weniger Wasser als Absinthe. oder man trinkt ihn pur. Man kann ihn auch mit Zucker trinken, oder Absinthe gommee - bei dem Sirup anstatt Zucker verwendet wird. Weniger klassisch waren die gemischten Varianten, wie z.B. der Absinthe Anisee - mit Anis angereichert. Ebenso bekannt sind einige Cocktails wie z.B. der Suissesse, Tremblemet de terre, Sazerac, oder Crocodile.
Absinthe wurde zum Problem
Als es immer mehr und immer größere Absinthebrennereien entstanden, entwickelte sich Absinthe vom elitären Getränk der Bourgoisie, der Boheme und der Kriegsveteranen immer mehr zum billigen Getränk der Arbeiter. Man konnte ihn in Paris den typischen Duft überall wahrnehmen. Während 40 Jahren war die Anzahl der Gaststätten nicht nennenswert gestiegen, aber ein Gesetz von 1880 erleichterte es enorm eine Gaststätte zu eröffnen. Nur eine einfache Erklärung war dafür nötig. Dadurch entstanden innerhalb eines halben Jahres 10.000 neue Gaststätten. Dazu kam, daß Alkohol plötzlich von jedermann verkauft werden durfte. 1909 gab es in Frankreich 480.000 Gaststätten. Das entsprach einer Gaststätte auf 80 Bürger. Wenn man davon die Frauen und Kinder abgezogen hat, kommt man sogar auf 30 Bürger. Unglaublich armseelige Kaschemmen entstanden, in denen es noch nicht einmal Tische oder Stühle gab. Man trank im stehen! Einzig eine Bar in der Mitte, an der Absinthe, Cassis und natürlich Schnaps ausgeschenkt wurde. Die Wirte verdienten sehr gut zu dieser Zeit... Es entstanden regelrechte Clubs für Absintheure - Leute die nie etwas anderes tranken und mochten als Absinthe.
Der Absinthekonsum
- In Belgien wurde Absinthe nur in den Städten getrunken und natürlich von den Reisenden
- In der Schweiz wurde Absinthe quasi nur im französischsprachigen Teil getrunken. Man schätzte den Verbrauch auf etwa 259.000 Liter. D.h. etwa 136 Gläser pro Konsument im Wallis und 482 Gläser pro Konsument in Genf.
- In Frankreich wurde Absinthe überall getrunken. Ab 1850 entwickelte sich der Alkoholkonsum dramatisch, wobei Absinthe nur etwa 3% des gesamten Alkoholkonsum ausmachte.
Absinthekosum in Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts
- 1906 - 206143hl
- 1907 - 160366hl
- 1908 - 172021hl
- 1909 - 158722hl
- 1910 - 172003hl
- 1911 - 221897hl
- 1912 - 221897hl
Phylloxera
Im 19. Jahrhundert führte der Rebschädling im europäischen Weinbau zu dramatischen Verwüstungen, der Reblauskatastrophe. Die aus Nordamerika stammende Blattlaus-Verwandte wurde in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts durch Rebstöcke von der Ostküste Amerikas über Großbritannien, genauer gesagt London, ins südliche Frankreich eingeschleppt (ab 1863 nachgewiesen) und breitete sich in der Reblausinvasion rasant von dort über sämtliche europäische Weinbaugebiete aus. Besonders schlimm traf es Frankreich. Zwischen 1865 und 1885 zerstörte die Reblaus große Teile der französischen Weinanbaugebiete, die erst 1850 nach der Mehltaukrise durch neue Reben aus Amerika ersetzt worden waren. Dies hatte katastrophale Folgen für die französische Landwirtschaft. So rief die französische Regierung 1870 eine Kommission zur Bekämpfung der Reblaus unter Vorsitz Louis Pasteurs ins Leben, die angeblich über 700 Vorschläge prüfte und trotzdem erfolglos blieb. Allein in Frankreich wurden 2,5 Millionen Hektar Rebfläche vernichtet.
Da Absinthe ursprünglich mit Weinalkohol produziert wurde, dieser aber auf Grund der Reblauskatastrophe nur noch sehr teuer, wenn überhauptnoch zur Verfügung stand, waren die meisten Hersteller dazu gezwungen, auf billigeren aber gleichzeitig auch minderwertigeren Basisalkohol auszuweichen. Zwei gegenläufige Entwicklungen kamen dem Absintheabsatz jetzt zugute: Der Preis für Wein stieg stark an, der für Absinthe (aufgrund der niedrigeren Kosten) sank. Folglich wurde immer mehr Absinthe konsumiert. Recherchen ergaben, daß in bestimmten Regionen in Frankreich bis zu 7 Liter Absinthe pro Jahr pro Mann (ab 16 Jahren) getrunken wurde. In Besancon ist ein Cafe bekannt, dort wurden jährlich 16000 Liter Absinthe ausgeschenkt - kein Wunder, war Absinthe doch billiger als Wein!!!
Die grüne Gefahr
Während Absinthe anfänglich nur von Intellektuellen, Militärs und der gehobenen Gesellschaft getrunken wurde, verkam Absinthe ab 1860 mehr und mehr zur billigen Volksdroge.
Absinthe wurde verteufelt. War es doch nur diese "grüne Gefahr", die die Ursache für den weit verbreiteten Absinthismus (den es garnicht gibt - richtig wäre Alkoholismus) unter der französischen Befölkerung war. Absinthe wurde zum Feindbild der Volksgesundheit und für allerhand Krankheiten verantwortlich gemacht. Absinthe würde die Nerven angreifen und schnell in die Abhängigkeit führen. Männer und Frauen verfielen ihm gleichermaßen. So verwundert es auch nicht, daß sogar Kinder an Absinthe gewöhnt wurden und damit frühzeitig dem sozialen und gesundheitlichen Verfall geweiht.
Für Pierre Decroos lag die Gefahr auch darin, daß Absinthe mit Wasser verdünnt wird. Denn wenn man sich erstmal an Absinthe gewöhnt hat, so seine Befürchtungen, würde man immer weniger Wasser verwenden. Es gibt sogar entsprechende Karrikaturen, die diese Entwicklung bestätigen.
Dr. Landouzy sagte, daß Alkoholismus ein idealer Wegbereiter für Tuberkulose sei und gerade Absinthetrinker wegen der mangelhaften Ernährung wesentlich stärker gefährdet sind, als gewöhnliche Trinker. Ebenso stellte Dr. Landouzy fest, daß Absinthe, noch viel mehr als gewöhnlicher Alkohol die Leute in die Nervenheilanstalten beförderte. Um 1880 wurde Absinthe auch "Correspondence" eine Abkürzung für "Corresponcence our Charenton" oder auch "train direct" genannt - umgangssprachlich also der "direkte Weg in die Klapsmühle". In Charenton befand sich eine dieser Nervenheilanstalten...
19007 ordnete der damalige französische Innenminister Clemenceau auf Forderung der Antialkoholliga im Parlament eine Untersuchung aller Krankheiten in den Irrenanstalten an. Diese sollte die Ursachen der Geisteskrankheiten ermitteln, die aufgrund von Alkoholismus auftreten und vor allem, welches Getränk hauptverantwortlich dafür ist.
Das Resultat war: Von 71547 Personen sind 9944 Alkoholiker, davon trinken nur 1537 ausschließlich Absinthe. Spannenderweise gab es in den Regionen mit den meisten Alkoholismusfällen, den niedrigsten Absinthekonsum. In Mobihan gab es zwar 36,3% Alkoholiker unter den Patienten der Irrenanstalten, von denen wurde aber nur 0,18l Absinthe getrunken. Währenddessen waren es in Var nur 4% Alkoholiker, die dafür aber 2,5l Absinthe tranken.
Absinthe und die Kriminalität
Laut dem Abgeordneten Schmidt entwickelt sich die Kriminalität genauso wie die Geisteskrankhit mit dem Absinthismus. Dr. Hagemann konstatiert daß Absinthekonsum der Gewaltbereitschaft Tür und Tor öffnet. Die Verbrechen der Absinthisten seien besonders kaltblütig, wild und grausam. Dabei finden die Taten oftmals in vollständiger Geistesabweisenheit statt und der Täter kann sich später an rein garnichts mehr erinnern.
Der Fall Lanfrey
Lanfrey war 31, verheiratet, hatte 2 Kinder, seine Frau war schwanger. Er war Erntehelfer in der Schweiz und arbeitete in den Weinbergern von Commugny. Am 28. August stand er früh auf, trank 2 Gläser Absinthe, auf dem Weg zur Arbeit trank er in einem Cafe einen Pfeffermizlikör und einen Cognac, während der Arbeit trank er 7 Gläser Wein, auf dem Heimweg einen Kaffe mit Branntwein und zuhause noch einen Liter Wein. Als er feststellte, daß seine Frau seine Stiefel nicht geputzt hatte, griff er zum Gewehr. Zuerst erschoß er seine Frau, dann seine beiden Kinder um sich dann selbst das Leben zu nehmen, was ihm aber nicht gelang. Am 23.Februar 1906 wurde der Prozess gegen den Franzosen wegen 4-fachen Mordes eröffnet. Zuvor stellte der bekannte Psychater Albert Mahaim die typischen Symptome des Absinthismus bei Lanfrey fest. Lanfrey wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt und erhängte sich kurz darauf in seiner Zelle.
Trost im Absinthe
Die Misere der Arbeiter war allgegenwärtig. Überall mussten Männer, Frauen und Kinder hart in den Fabriken arbeiten. Die Unterkünfte waren schmutzig und Abwechslung wurde nicht geboten. Einzig das Cabaret bot dem einfachen Mann etwas Abwechslung. Am Zahltag war es für viele zu verlockend, das Geld schnell wieder beim Weinhändler auszugeben, der Absinthe im Überfluß anbot. Die grüne Fee ließ die Arbeiter die Trübseeligkeit des Lebens vergessen. Unfähig ihre Situation zu ändern, glaubten viele, ihre Probleme in einem Glas ertränken zu können...
Absinthismus
Die ersten wissenschaftlichen Beobachtungen von Alkoholkranken wurde in der psychatrischen Abteilung der Hospitäler in Paris 1859 gemacht. Dr. Motet veröffentlichte eine Studie zum Thema "Allgemeine Überlegungen zum Alkoholismus und speziell über die toxischen Effekte aud Menschen unter Einfluß von Absinthe". Er bemerkte, daß Absinthe andere Auswirkungen als normaler Alkohol hatte. So weisen Personen, die Absinthe exzessiv konsumieren zwar alle Anzeichen des Alkoholismus auf, haben darüberhinaus aber auch epileptische Anfälle. Einige Jahre später wurde diese These von Dr. Legrain bestätigt. Er sagte, daß neben Schwindel vom Alkohol, man auch Delirien und Krämpfe beobachten könne die auf Absinthe rückschließen ließen. Um dieses Phänomen zu benennen, erfand die Akademie der Medizin den Begriff "Absinthismus". Nach Dr. Lancereaux ist chronischer Absinthismus an den schwerwiegenden Nervenproblemen erkennbar. Es fängt mit Kribbeln und Taubheit der Beinen und Füße an. Zu einem fortgeschrittenem Zeitpunkt sind die Nerven derart überreizt, daß Berührungen unerträglich werden. Darauf folgt eine absolute Gefühllosigkeit. Schließlich treten Beeinträchtigungen allgemeiner Funktionen und Verwirrung der Nerven auf: Teilweiser Gedächtnisverlust, Halluzinationen, Sorgen und Reizbrkeit. Das Gesicht wird im sehr bleich - ganz im Gegensatz zu den roten Gesichtern der Weintrinker. Des Weiteren treten Krämpfe auf, die nur mit hysterischen Anfällen vergleichbar sind.
Giftige Essenzen
Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Spirituosen in 2 Kategorien gegliedert:
- 1. Natürliche Liköre, die durch Destillation natürlicher, zuckerhaltiger oder fermentierter Flüssigkeiten entstehen.
- 2. Künstliche Liköre, die durch Destillation von Pflanzen oder durch Zugabe von Essenzen in Alkohol entstehen.
Die künstlichen Liköre wurden in 2 Untergruppen gegliedert, die sich mehr oder weniger auf die Schädlichekeit der Essenzen bei der Herstellung bezieht. Die von der Wissenschaft anvisierte Untergruppe war die der künstlichen Liköre, denn in dieser Gruppe befanden sich natürlich auch Absinthe und dessen Artverwante wie der Bitter oder der Vermouth.
Man unterschied zwischen absolut schädlichen und giftigen Essenzen:
- Großer Wermut
- Kleiner Wermut
- Genepi
- Ysop
- Sternanis
- Rauke
- Bittermandel
und weniger giftige Essenzen:
- Minze
- Salbei
- Melisse
- Thymian
- Oregano
- Fenchel
- Anis
- Koriander
- Kümmel
- Muskat
- Lorbeer
Diese Liste wurde von der medizinischen Akademie rein willkürlich so gewählt. Schließlich gab es dann nur noch eine Liste, die "Die Königin der Gifte ihrer Art" genannt wurde. Sie lehnte es ab, genauer zu differenzieren und scherte lieber alles über einen Kamm. 1903 wurde die giftigkeit von Wermutöl von der medizinischen Akademie Paris offiziell bestätigt. Die Idee basiert auf Untersuchungen von Dr. Valentin Magnan, der bereits 1868 angefangen hatte, die Auswirkungen von Absinthekonsum zu beobachten und zum Schluß kam, daß Absinthe andere Auswirkungen hat, als andere alkoholische Getränke.
Tierversuche
Bereits 1869 hatte Dr. Magnan eine Serie von Tierversuchen mit Wermutöl gemacht, denen er zum Vergleich Alkohol injezierte bzw. Wermutöl oral verabreichte. Sobald Magnan, dem Alkohol Wermutöl zusetzte, konnte er epileptische Anfälle und Krämpfe beobachten. Als Gegenversuch, versetzte er Alkohol mit Anisöl - und konnte keinerlei vergleichbare Auswirkungen feststellen.
Dr. Camus
Dr. Camus war wohl der einzige, der halbwegs realistische Versuche mit Hunden durchführte. Er verabreichte Hunden, auf ihr Körpergewicht bezogen ähnliche Mengen, die ein durchschnittlicher Mensch an einem Tag zu sich genommen hätte. Dabei stellte er fest, daß es ganz auf die körperliche und geistige Konsistenz des Probanden ankam, ob dieser Schaden nahm oder nicht. Seine Schlußfolgerung war, daß arme, schlecht ernährte Menschen, die möglicherweise auch noch andere Probleme hatten, wesentlich stärker vom Absinthismus betroffen waren, als wohlgenährte, gesunde Menschen.
Am 12.12.1907 wurde der maximale Wermutölgehalt in einem Liter Absinthe auf 1g festgelegt. Untersuchungen an einer Reihe von Absinthen aus Pontarlier vom 9.1.1908 ergab eine maximale Menge von 0,58g Wermutöl.
Thujon
Etwa 50-60% der Terpene von Wermut bestehen aus Thujon. Die chemische Formel lautet C10 H16 O. Es gibt 2 Isomere: Alpha-Thujon und Beta-Thujon. Von der direkten Einnahme von Wermutöl ist dringend abzuraten, da gesundheitsschädlich!
- Kleine Mengen können Schwindel und Kopfschmerzen auslösen.
- Regelmäßige Einnahme können Krämpfe, epileptische Anfälle und Agressivität auslösen.
- Große Mengen führen zu Wahrnehmungsstörungen, Halluzinationen, Gedächtnisverlust, Agonie und irreversiblen Nervenschäden.
Absinthe enthält allerdings keine bedenklichen Mengen an Thujon, so daß keine thujonbasierende Gesundheitsschäden infolge von Absinthekonsum zu befürchten sind. Thujon ist auch eine Substanz, die in vielen Kräutern (z.B. Salbei, Rainfarn, Thuja, Genipi oder Lavendel) zu finden ist - man kann also davon ausgehen, schon hier und da mit Thujon in Berührung gekommen zu sein, ohne sich darüber bewußt zu sein. Ein möglicher gemeinsamer Wirkmechanismus mit dem Cannabis-Wirkstoff Tetrahydrocannabinol über eine Aktivierung von Cannabinoid-Rezeptoren, der auf Grund entfernter Analogien der Molekülstruktur und klinischen Wirkungen vermutet wurde, konnte hingegen nicht bestätigt werden.
Die Rolle des Alkohol
Um zu verstehen, warum Absinthe Anfang des 20. Jahrhunderts so verteufelt wurde, muß man wissen, daß nicht nur die Ätherischen Öle Auslöser der Probleme waren, sondern auch der oftmals minderwertige Alkohol, der zur Absintheproduktion verwendet wurde.
Absinthe ist strenggenommen ja ein Kräuterschnaps. Anders als bei Obstschnaps ist in den Kräutern keine Stärke oder Zucker, die durch Einmaischung vergoren werden könnte. Daher ist man gezwungen, die Kräuter zu mazeriere - d.h. in hochporzentigem Alkohol ziehen zu lassen. Heute hat der verwendete Rohalkohol ca. 96% vol. und ist so rein, daß man ihn bedenkenlos pur trinken könnte. Selbstverständlich mit der entsprechenden alkoholischen Wirkung! Allerdings ohne, daß man spätere Gesundheitsschäden befürchten muß. Vor 100 - 150 Jahren konnte der Rohalkohol rein technisch nicht so hochrektifiziert werden. Man kann das auch deutlich in den Rezeptbüchern (z.B. von Brevans, Bedel, Duplais oder Fritsch) sehen. Dort wird immer von 85% Alkohol gesprochen. Einerseits war es bei dieser Stärke durchaus noch möglich, den Ursprung (also Getreide, Kartoffeln, Obst und Obstresten, Nüssen, oder Wein) herauszuschmecken, anderseits war dieser Alkohol auch nicht so sauber wie wir es heute kennen. Es ist ziemlich sicher, daß die Aromen der Ursrungsprodulte des verwendeten Rohalkohols ins Endprodukt übergegangen sind und Absinthe deswegen gerne mit Zucker getrunken wurde. Die Annahme, daß Weinalkohol automatisch der beste Rohalkohol ist, ist falsch. Untersuchungen haben ergeben, daß schlecht rektifizierter Wein 12 mal mehr Unreinheiten aufweist, als sauber rektifizierter Industriealkohol.
Die Gefahr des Absinthes lag also einerseits bei den Ätherischen Ölen und anderseits beim minderwertigen Alkohl. Dazu kam auch noch eine heute unvorstellbare Lagerung - oftmals in Bleifässern...
Gibt es guten und schlechten Absinthe?
Um diese Frage zu beantworten muß man die verschiedenen Produktionsmethoden gegenüberstellen. Vereinfacht ist das einerseits die Destillation und anderseits die Ölmixe.
Bei den Destillaten muß man dann wieder zwischen denen zwischen 68% und 72% (die hauptsächlich in und um Pontarlier produziert wurden) und denen zwischen 47% und 55% (die hauptsächlich rund um Paris produziert wurden) unterscheiden. Wobei die Brennereien in Pontarlier hauptsächlich so hochprozentige Produkte herstellten, weil sich darin die Koloration länger hielt. In Wahrheit ging es den Brennern aus Pontarlier eher darum, die Ölmixe zu bekämpfen.
Ömix
Heute werden historische Absinthe oftmals glorifiziert als heiliger Gral und zu Preisen gehandelt, die unglaublich sind. Dabei war Absinthe früher ganz sicher keine Spirituose, die dazu gedacht war, sie lange zu lagern oder gar übermäßig teuer war. Vielmehr war Absinthe dazu gedacht, ihn jung zu trinken - mit ein Grund dafür, daß es heute nur noch sehr wenige ungeöffnete historische Flaschen gibt. Auch ist es eine Fehleinschätzung, daß damals alles destilliert war. Ganz im Gegenteil - sehr viele Sorten waren von erbärmlicher Qualität und würden heute ganz sicher keinen Qualitätsansprüchen mehr genügen. Schlechter Basisalkohol, der mit Ölen versetzt wurde um ihn dann möglichst billig und schnell zu verkaufen - das sind historische Tatsachen. Man darf sich also nicht über die Probleme wundern, die durch Absinthe verursacht wurden!
Das Absintheverbot
Das Ende des Absinthes war bei den bestehenden massiven gesellschaftlichen Probleme abzusehen und nur eine Frage der Zeit. Entscheidender Ausschlaggeber war in der Schweiz dann ein gewisser Jean Lanfray, der im August 1905 im Suff seine Familie umbrachte. Lanfray war erwiesenermaßen starker Alkoholiker, der mehrere Liter Wein am Tag konsumierte und als Weinbergarbeiter im Waatland in der Ortschaft Commugny mit seiner Frau und 2 Töchtern lebte. Eines Tages kam Lanfray nach Hause und regte sich furchtbar darüber auf, daß seine schwangere Frau nicht wie aufgetragen, seine Stiefel geputzt hatte. Kurzerhand griff er zur Flinte und erschoß seine Frau und seine beiden Töchter. Als er sich darüber bewußt wurde, was er getan hatte, versuchte er sich selbst zu erschießen – was im aber nicht gelang. Es konnte nachgewiesen werden, daß Lanfry an diesem Tag neben Unmengen anderer alkoholischer Getränke auch 2 Gäser Absinthe getrunken hatte. Dies war für die Blaukreuzer und die Antialkoholliga ein gefundenes Fressen. Um diesen Amoklauf herum wurde eine große Kampagne gegen Absinthe entwickelt. Bei einer Volksabstimmung am 5. Juli 1908 sprachen sich 63,5% der männlichen Schweizer für ein verfassungsmäßiges Absintheverbot aus. Diese Gesetzt trat 1910 in Kraft und verbot die Produktion, Lagerung, den Transport und Verkauf von Absinthe. Interessanterweise wurde der Konsum nicht unter Strafe gestellt… Im gleichen Jahr wurde in Belgien Absinthe verboten. In Frankreich wurde Absinthe 1914 verboten. Das ist insofern bemerkenswert, da man befürchtete, daß Absinthe die Französische Wehrkraft zersetze – einige Jahrzehnte zuvor wurde Absinthe gerade durch das französische Militär in Frankreich zu einem extrem beliebten Getränk… In Deutschland hatte Absinthe sehr wahrscheinlich keine große Bedeutung . Leider sind keine Aufzeichnungen darüber bekannt. So wurde Absinthe hier erst im Jahr 1923 verboten. In Portugal, Spanien und England war er nie verboten – aber auch nie populär.
